Text – Ausstellungsreden

Ausstellung „Geheimnisse des Lebens“ / Galerie Hexagone
(24.09.2016 – 19.10.2016)

„Wohlgemeinende Überspitztheit“ – Bilder und Objekte von Kerstin Heinze-Grohmann

Kerstin Heinze-Grohmann ist 1968 in Cottbus geboren, hat seit ihrer Kindheit gemalt und eine pädagogische Ausbildung als Erzieherin und Sozialarbeiterin nach einer textilen Ausbildung in Garnspinnen, Veredeln, Weben, Nähen, Stricken abgeschlossen. Sie lebt seit 2004 in der Schweiz.
In ihren Arbeiten seit 2013 kombiniert sie comichafte figürliche Flächengrafik mit der abstrakten Formwelt von Fadengrafiken. Mit Acryl und Farbstiften legt sie ihre Bildmotive auf meist handgeschöpftem Papier oder Spezialpapier an. Dabei ist eine breite Rahmenzone bereits mitgeplant. Diese ist mit ineinander verzahlten und offenen geometrischen Formkörpern malerisch locker gefüllt.
Die Farbwerte, bei denen ein neutrales blaugrau dominiert, ziehen sich in diese Zone hinein. Die Bildzone wird durch einen gemalten schwarzen Rahmen davon abgesetzt und die ornamentalen Randstreifen dann noch mit einer Fadengrafik überspannt. Die seriell gereihten Muster werden in der jeweiligen Zone durchgehalten, passen sich aber farblich dem Bild an. Neben der Vielfalt von ihr selbst entwickelter Muster variiert dabei das Bild in Form und Farbe auch die Anordnung, die Vollständigkeit der Durchführung, die Breite und die Zone, in der – nicht nur am Rand, diese Musterung auftaucht. Wie ein Passepartout schafft diese Zone freier geometrischer Grafik einen Übergang aus dem Realraum in den Bildraum, der bühnenhaften Charakter gewinnt und nicht mehr wie ein fremder Ausschnitt an der Wand erscheint – sondern eingebettet wirkt. Die Bildthemen entstammen dem persönlichen Lebensumfeld, der Arbeit, der Familie, den Freunden oder von Reisen.
Fotos die Wahrgenommenes festhalten, bilden die Grundlage – aber die Bilder halten sich nicht an die Fotovorlage, sondern kombinieren Figuren, Innenräume und Erfundenes und passen sich der Bildaussage an – die ohnehin durch ihre flächigen grafischen Vereinfachung einer popartnahen Comicstilistik nahekommt. Es geht nicht um Abbildlichkeit, sondern um kommentierte Darstellung.
Die Motive sind formatmässig zu Serien zusammengefasst, in denen Aspekte der Lebenswelt „Die Geheimnisse des Lebens“ im gewöhnlichen Alltag thematisiert werden. Unverständliches wird nicht ausgeklammert. Die Mimik einzelner auffallender Personen steht leicht überzeichnet im Vordergrund der Gruppe der „Kopfgestalten“ , gerne in verzerrten und angeschnittenen Perspektiven – die in diesen Aspekten noch einmal betont werden.
Figuren aus dem Programm der Räuchermännchen präsentieren sich lebendig, aber mit gemalter Schleife verpackt aus der Serie „ Mamma findet Kitsch ganz doll…“ . Harlekine beleben spielerisch eine nüchterne Bauernhofszenerie in „Achtung Bautrupp“ .
Alltag, Arbeit und Privates sind in einer Dreiergruppe formal zusammen gebunden. Viel Lineares dominiert die Bilder, aber nirgends findet man mit dem Lineal gezogene Striche, sondern in allem wohnt der skizzenhafte Geist der spontanen handgezogenen Linie inne. Liebevolle Details und widerspenstig retro-orientierte Tapetenmuster hinterfangen die Szenen.
Ein bisschen Märchenwelt und Nostalgie trifft da auf die Realität von Misswirtschaft, Existenzen in Hafenanlagen, schräge Typen, rohe Handlungen und verspielte Träume. Das ganze Spektrum der Lebenswelt wird in seiner Parallelität und Eigenwilligkeit dargestellt. Der besondere Aspekt ist – das Kerstin Heinze-Grohmann – vielleicht im Wissen um die Vorurteile die Textilarbeiten begleiten, unbeirrt damit arbeitet.
In der Installation „Tischgesellschaft“ dienen die allzu „flauschigen“ Spinnen durchaus der Angstbewältigung, verdanken sich eigenem Erleben und gestalten häkelnd und textil banale Lebenssituationen voller Emotion, die plüschige Schauder und amüsierte Lebendigkeit – ganz ungewöhnliche Mischgefühle hervorrufen – auch in Gewohnheiten der ästhetischen Bewertung.
Kerstin Heinze-Grohmann arbeitet mit Ambivalenzen und schafft so nachdenkliche Lebendigkeit. Die ornamentale Vielfalt geometrisch – grafischer Strukturen weist avantgardistisch-mathematische Strenge auf – aber die Nutzungsgeschichte dieser Technik gibt ihr einen heimisch-volkstümlichen Touch.
Die Comicgrafik folgt den momentanen globalen Bildwelten von nüchternen Graffiti und StreetArt Arbeiten, aber die Sujets haben teils etwas märchenhaftes Verspieltes. Dadurch entsteht ein Eindruck von Wohlmeinender Gegenwartsbeobachtung, die nicht traditionell ist – da sie Seltsames und Gesellschaftskritisches in den Blick nimmt, aber ohne Spott und Herabwürdigung von Verhaltensweisen, die nicht ihrer eigenen Vorstellung entsprechen. Widersprüche und Brüche hat sie durch die friedliche Revolution in der Ex DDR und die Folgen der Wiedervereinigung erlebt – die u.a. auch das dortige, zeitweilig eingestellte und nach Protesten mit ausgedünnten Personal wiederbelebte „Sandmännchen“ betraf zu sehen in der Installation „Vergänglichkeit des Lebens“ . In gewisser Weise münzt sie die Fotovorlagen zu Szenen aus Kasperletheatern, Augsburger Puppenkiste bzw. dem Sandmännchen aus dem Abendgruss des DDR Fernsehens um.
Die vielen Facetten des Lebens erfahren eine menschliche Würdigung – die Welt mit Respekt und Skepsis zugleich in den Blick nehmen, mit Emotion und nüchternem Blick, mit stillem Humor, mit Strich und Faden und nach Strich und Faden / ohne betrügerische Absicht, sondern im ursprünglichen Sinne nach allen Regeln der Kunst.

Fadengrafik fand 2013 auf der Biennale in Venedig durch die Wiederentdeckung der Schweizerin Emma Kunz und ihrer frühen geometrischen Fadenabstraktionen in der Kunstwelt Akzeptanz. Die Herkunft aus der nationalen Minderheit der Sorben erklärt ebenso die Affinität für eine heute als folkloristisch angesehene Technik und ihren Versuch sie in die Bildwelt der Moderne einzufügen.

Vernissage 25.09.2016
Kunsthistoriker Dr. Dirk Tölke – Aachen

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Galerie “Kunst im West “ Zürich   Kerstin Heinze – Grohmann / Malerei und Objekte

                                                               25.Juni bis 30. August 2014

Malerei und filigrane Textilkunst – wie verbindet sich das zu einem unverwechselbaren Kunstwerk? Kerstin Heinze-Grohmann gibt darauf eine äusserst originelle Antwort. So wie sie diesen Material-Mix kühn ins Bild setzt, hat es wohl noch niemand gemacht. Ihre Biografie und ihre Ausbildung haben sie offenbar dazu prädestiniert.

Als Sorbin 1968 in der Niederlausitz in Cottbus geboren, ist sie gewissermassen ganz historisch in einem textilen Gestaltungsbereich aufgewachsen. Sie liess sich daher auch in regionaler Analogie zur Textilfachfrau ausbilden und entwickelte früh ihre Affinität zu  Gewirktem und Gewobenem. Durch Wende und Mauerfall gerieten manche Traditionen aus dem Gleichgewicht, so dass eine Neuorientierung gefragt war. Erzieherin und Sozialarbeiterin waren  die nächsten beruflichen Stationen von Kerstin Heinze-Grohmann.

Der Befreiungsschlag zur Künstlerin erfolgte 2004 in der Schweiz, wo die Künstlerin ihre neue Heimat und Partner gefunden hatte. Jetzt war der Weg frei für individuelle Eigenkreationen und beide Talente – die Malerei und die Textilkunst wollten in harmonischem Einklang genutzt werden. Spannende Bildfindungen mit vorwiegend grafischen Elementen gesellten sich zu höchst präzisen Fadengrafiken, die zumeist als imposante Randleisten dem Kunstwerk ihr spezielles Gepräge geben.

Die Arbeit die die Künstlerin bei ihren farbenfrohen, meist den Alltagsleben entnommenen Szenen und Porträts mit Acryl schafft, so lässt sie auch in geschicktem Kontrast den zierlich gespannten Seidenfaden über dem Bild schweben, der mit seiner exakten Musterung einen eindrucksvollen Rahmen abgibt.

Sowohl das Bild, dessen Charakterköpfe zuweilen mit ansprechenden Comics kokettieren, als auch bei den zugeordneten Fadengrafiken steht eine exakte Lineatur im Vordergrund, die durch eine starke Farbgebung noch akzentuiert wird. Für den Betrachter gewinnt diese klassisch gebändigte Dynamik an heiterer Ausdruckskraft.

Das Humor eine wichtige Komponente für Kerstin Heinze-Grohmann ist, zeigt sich auch in ihrem amüsanten Plastiken, die ihr weitgestecktes Kreativitätspotenzial belegen.

@Kunsthistorikerin Kristina Piwecki Berlin / ZH

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2010  Galerie Monika Beck – Homburg / Saar –  Deutschland

Kerstin Heinze Grohmann, geboren in Brandenburg und mittlerweile in der Schweiz wohnhaft. Die Ausstellung „Inbox Outstanding“ weist Malerei, aber auch einige Plastiken hier in der bel etage aus – sozusagen zur Erdung ihrer Augen in all dem Himmel hier.

Kerstin Heinze Grohmann | Inbox Outstanding

Ich habe gestern beim Aufbau die Erfahrung gemacht, dass dann, wenn man Kerstin Heinze Grohmanns Malerei nicht als Abbildung z.B. im Internet, sondern realiter vor sich hat, sich plötzlich eine intellektuell gestimmte Wucht vor Augen stellt. Bildbestandteile wie Dreiecke etc. gezählt. Zum Ornament in der zeitgenössischen Bildenden Kunst gehört zwingend der Aspekt des sog ornamentalen Verhaltens dazu. Ornamentales Verhalten ist jegliches ritualisiertes Gehabe, 1. dessen ursprünglicher Sinn verloren gegangen ist, und 2. das wir nicht reflektieren. Weshalb schütteln wir einander die rechte Hand, während ein Versuch mit der linken fast unhöflich ist? Weil die rechte Hand die Schwerthand war im Mittelalter, und man bewies Friedfertigkeit, indem man die Schwerthand nicht bewaffnete. das Ornament einsetzt, zwingt sie uns zur Distanz zu dem, was abgebildet ist. Sie möchte zum Nachdenken bringen, nicht die Welt schön und flott pinseln. Sie kann flott pinseln, das nutzt sie aus. und Haushaltsverrichtungen gehen. Ich behaupte, dass ihre Malerei intellektuell aggressiv ist, dass sie uns mit der Darbietung übertölpelt, dass sie uns zum Denken bringen will, überzeugen. Und die Mädels, die Funktionträger in ihren Bildern sind, erzählen auch nicht. Sie sind immer in Gedanken oder diskutieren gar.

@ Galerist Mathias Beck / Homburg 2010 / Okt. Schwedenhof – Germany